Langsam schleicht sich der Herbst an. Er ist noch nicht ganz da und das Licht an manchen Spätsommertagen ist fantastisch. Diese Tage, die kürzer werden. Diese Tage, die gefühlt, so andere Farben haben. Diese Tage, an denen Sonnenaufgänge fast nicht mehr vor dem Aufwachen sind.
Gestern Abend habe ich in einer Talkshow mal wieder diese unsägliche Phrase gehört, dass man sein Leben nur so intensiv genießen und bewusst erleben kann, wenn man mal mit dem Tod konfrontiert war. Ich hab das Ende der 90er auf der Krebsstation schon fraglich gefunden und mit Annelie Keil diskutiert.
Was mich daran so nervt sind zwei Dinge.
Das eine, dass es nur ein wirkliches Leben ist, wenn es mit spektakulären Sachen wie Weltreisen, Extremsport oder sonst was gefüllt ist.
Das andere, dass man so einen Aufhänger braucht, um endlich das zu machen, wovon andere nur träumen.
Vielleicht ist es wichtig, dass man:n sich immer mal wieder die Frage stellt: „Was will ich oder was wollte ich und bin ich noch auf dem Weg?“ Die Frage geht allerdings auch ohne existenzielle Krise. Vielleicht ist es nach solchen Krisen so, dass man:n weiß, dass nicht unendlich Zeit ist. Das ist aber auch die einzige Erkenntnis, die Nutzen hat. Diese könnte man:n aber auch ohne Krise haben.
Die Sache mit dem „wirklichen“ Leben ist dann auch so eine Sache. Ich finde es ehrlich toll, wenn Menschen so aufregende Dinge tun. Ich mochte das ja auch, als ich aus dem Flugzeug gesprungen bin.
Ob ich das nochmal machen würde? Jederzeit. Nicht, weil das dann das „wirkliche“ Leben ist. Nein, der Adrenalinflash kickt einfach. Wenn ich ein tolles Musikalbum höre, habe ich allerdings länger Freude. Darum kauf ich mir lieber Musik.
Wirkliches Leben stellst doch immer die Sinnfrage oder?
Was aber, wenn es gar keinen Sinn hat?
Na ja, Samstag abends muss man diese Frage auch nicht unbedingt beantworten.
Der Herbst kommt, ob mein Leben einen Sinn hat oder nicht, ist ihm egal.
Ich habe heute schon in den Pfützen getanzt.
Melancholie ist der Mantel, der mich einhüllt. Seit Jahren. Seit all den Jahren. Ich kann mich nicht erinnern, wie es ohne sie war. Sie trägt in ihrer nachdenklichen Wärme mein Glück und manchmal meine Traurigkeit.
Ich mag das Bild in Schwarz/Weiß. So kann ich mir einreden, es hat etwas künstlerisches.


