Ich saß da und beobachtete die Tänzerin. Ich mag tanzende Menschen. Es hat etwas so ästhetisches. Fließende Bewegungen im Flow der Musik. Schönheit und Eleganz. Ich würde selbst wieder tanzen, wenn ich es könnte. Manchmal groove ich so vor mich hin.
Diese Tänzerin zog mich in ihren Bann.
Zeitlos.
…
Ich spüre eine leichte Berührung an meiner Schulter und blicke mich um.
„Ich fragte: Kann ich mich hier hinsetzen?“
„Oh, das habe ich nicht gehört. Bien sûr.“
„Tu parles français ? C’est génial.“
„Non, je ne parle pas français. Manchmal rutscht mir eines der drei Wörter raus, die ich kenne. Du kannst dich gerne hier hinsetzen.“
„Merci“
„De rien. Jetzt kennst du alle drei Wörter, die ich kenne.“
„Schade, das hätte mich gefreut. Ich komme aus Frankreich.“
„Pardon.“
Ich schaue mir weiter die Tänzerin an.
Dann ist der Tanz vorbei.
„Das war sehr schön.“
„Ja“, und ich schaue sie an.
„Tanzt du auch?“
„Nein, du?“
„Viel zu selten, ich mache Bilder von tanzenden Menschen und anderen schönen Sachen.“
„Oh, bist du Fotografin?“
„Ja.“
„Wundervoll. Kann ich deine Bilder irgendwo sehen?“
„Ja hier, ich habe eine Mappe mit. Die Tänzerin ist eine Freundin von mir und ich habe Bilder von ihr gemacht.“
„Ich bin Reene.“
„Mais bien sûr, je m’appelle Louise. Mes amis m’appellent Lou.“
„Oh ein so schöner Name. Die Deutschen nennen dich Luuise und sprechen das e mit oder“
Louise lacht: „Manchmal.“
Wir blättern durch die Mappe. Fast ohne Worte.
„Du hast einen schönen Blick auf die Welt. Deine Bilder sind fantastisch. Du gibst den Menschen und den anderen schönen Dingen eine wundervolle Bühne.“
„Merci.“
Louise will die Mappe zuklappen.
„Da sind doch noch Bilder.“
„Ja, aber nur Selbstportraits. Die sind nicht interessant.“
„Darf ich sie dennoch sehen?“
„Wirklich?“
„Ja gerne, aber nur, wenn du möchtest. Ich kann ja sonst auch einfach vor dir sitzen und dich ansehen.“
„Ça me laisse perplexe.“ Louise schaut nach unten und beißt sich auf die Lippe.
„Das hab ich jetzt nicht verstanden.“
„Schon gut.“
Wir schauen uns ihre Bilder an.
„Du hast auch einen wundervollen Blick auf dich selbst. Sehr schöne Bilder. Ich mag das nachdenkliche sehr. Das, wo du rumalberst, würde ich mir aufhängen in meine Galerie der Schönheit.“
„Ach du.“
„Ja.“
„Die Leute sagen, dass ich so schöne Augen habe und mich damit am meisten ausdrücke. Findest du, dass ich schöne Augen habe?“
Augenblick im Augenblick
„Hat es dir die Sprache verschlagen?“
„Nein, ich bin in deinen Augen. Ja sie sind schön. Ein wenig Grün, ein wenig Bernstein, ein dunkler Rand, tief, sanft.“
„Ach du.“
„Ja ich, du hast aber auch einen schönen Mund. Soll ich weiter aufzählen?“
„Non, merci, Monsieur.“
„Meine Freundin kommt, wir müssen los. Es hat mich gefreut. Au revoir, Reene.“
„Oh schade. Es hat mich auch gefreut. Au revoir et bonne journée. Adieu Louise.“
„Tu peux m’appeler Lou“, sagt sie, schnalzt mit der Zunge, läuft zu der Tänzerin und verschwindet.
…
Irgendwann gehe ich. Was ist Musik für diesen Moment?
„Nirvana Unplugged in New York“
Das ist Musik, die mich in eine andere Zeit bringt. Das ist Musik, die mich traurig macht, weil sie so schön ist und nie weiterging. Das ist Musik, die mich glücklich macht, weil die Zeit, in der die Musik mich gefunden hat, so schön war. So einfach. So frei. So lebendig.
Meine Melancholie sagt: „Ich sag jetzt nichts.“
Sie muss nichts sagen. In meinen Gedanken bin ich bei dieser Begegnung. Ich bin bei Louise und ihren Bildern und ihren Augen, bien sûr. Die sind aber auch wirklich sehr schön.
Ich habe lange nicht mehr in schöne Augen gesehen.
„…
My heart is broke, but I have some glue
Help me inhale and mend it with you
We′ll float around and hang out on clouds
Then we’ll come downAnd have a hangover
Have a hangover
Have a hangover
Have a hangover
…“
Ich will nicht mehr. Vielleicht bin ich letztes Mal wirklich kaputt gegangen. Nicht nur mein Herz.
„…Something in the way…“
Die Musik macht, dass ich in Gedanken in diese Augen schaue mit dem Gefühl und der Freiheit von damals.
Nur ein Nu.
Zu lang, um es zu ignorieren.
Dann ist sie da.
Sehnsucht.
Sehnsucht ist so ein Wort. Gibt es eigentlich nichts Schöneres?
Vermissen ist es ja nicht, dann müsste ich sie ja kennen. Es könnte natürlich sein, dass es ein Vermissen nach so einem Moment ist.
In schöne Augen schauen und es gibt keine Fragen mehr.
Wenn ich ein Bild malen wollte von meinem Vermissen und meiner Sehnsucht, würde ich Louise zeichnen. Lachend oder nachdenklich oder nachdenklich lachend. Schön.
In dem Buch, das ich schreiben werde, wird meine Melancholie keinen Namen haben. Meine Sehnsucht nenne ich Louise (französisch ausgesprochen natürlich). Das klingt sehr schön.
Wenn ich irgendwann mal die Fotografin Louise treffen sollte, ist sie Lou und ich frage sie, ob sie Bilder von mir macht.
Ich mag ihren Blick auf die Welt und die Menschen.
Ich mag ihren Blick.
Ja. Ich finde deine Augen schön, Louise.
„Where Did You Sleep Last Night“
Die Platte ist zu Ende…
Danke für diesen Moment.